Tiere suchen ein Zuhause

Tierschutz in Rumänien

Sendung des WDR vom 13.04.2014

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Straßenhunde in einem Zwinger

Quelle: Tiere Suchen Ein Zuhause

Tierschutz in Rumänien Erste Massentötungen in staatlichen Tierheimen

Im Herbst letzten Jahres wurde in Rumänien nach einem Beißvorfall ein Gesetz erlassen, dass die Tötung aller rumänischen Straßenhunde vorsieht. Allein in Bukarest sollten 60.000 Hunde getötet werden. Weltweit protestierten Tierschützer gegen das Gesetz und gingen auf die Straßen. Kritisiert wurde das neue Hundegesetz in Rumänien, dass am 25. September 2013 verabschiedet und dessen Ausgestaltung Ende 2013 veröffentlicht wurde. Trotz der Proteste kam es zu ersten Massentötungen in den staatlichen Tierheimen.

Adoptionen in den staatlichen Tierheimen

Das Gesetz sieht vor, dass herrenlose Hunde eingefangen und in das staatliche Tierheim der jeweiligen Stadt gebracht werden. Dort bleiben sie 14 Tage, bevor sie getötet werden. In dieser Zeit hat der mögliche Besitzer die Chance, seinen Hund wiederzubekommen. Außerdem sind die Tierheime laut Gesetz dazu verpflichtet, Adoptionen zu fördern. Dafür sollen die Hunde auf den Internetseiten der Tierheime mit Fotos zur Vermittlung angeboten werden. Die Adoption soll zudem kostenfrei sein.


Straßenhund in einem Zwinger
Bild 1 vergrößern Laut dem Gesetz sollen herrenlose Hunde eingefangen und in die staatlichen Tierheime gebracht werden.

Mittlerweile bieten viele Tierheime sogar Distanzadoptionen an. Tierfreunde aus dem Ausland können eine monatliche Gebühr bezahlen, um damit die Verpflegung und die medizinische Versorgung eines Hundes zu finanzieren. Tierschützer kritisieren, dass es ihnen erschwert wird, diese Hunde in den Tierheimen regelmäßig zu sehen. Sie vermuten in vielen Fällen, dass der Hund bereits getötet wurde, das Tierheim aber die monatliche Gebühr weiterhin kassiert.

Das Geschäft mit dem Tod

Die Straßenhunde sind ein lukratives Geschäft, denn viele verdienen daran. Tierschützer sprechen von 50 Euro Kopfgeld pro eingefangenem Hund. Auch der Transport der Tiere von der Stelle, an der sie eingefangen wurden, bis zum staatlichen Tierheim wird bezahlt.

Zudem erhält das Tierheim von der jeweiligen Stadt Geld für die 14-tägige Unterbringung und die Versorgung der Hunde. Tierärzte werden für die medizinische Erstuntersuchung und die Behandlung der Streuner bezahlt. Außerdem bekommen sie Geld für die Euthanasie. Auch für Apotheken und Firmen, die tiermedizinische Ausstattungen verkaufen, eröffnete sich mit den Straßenhunden eine neue Einnahmequelle. Sogar für die Beseitigung der Kadaver gibt es eine Behörde, die dafür bezahlt wird.

Der Tod der Straßenhunde

Jede Stadt kann selbst entscheiden, ob sie das neue Hundegesetz anwendet oder nicht. Während der Bukarester Oberbürgermeister Sorin Oprescu das Hundegesetz sofort umsetzte, sprachen sich im Oktober 2013 zwölf Großstädte in Rumänien gegen das Töten der Straßenhunde aus. Doch seit Anfang des Jahres hat sich das verändert. Immer mehr Städte entscheiden sich inzwischen auch für die Tötung der Hunde. Daraufhin werden teilweise mehrere Hundert Hunde binnen ein paar Wochen getötet. Von 50 bis 70 Hunden pro Tag ist die Rede.

Die Tötungsmethoden sind mit der in deutschen Tierarztpraxen angewandten Euthanasie meist nicht zu vergleichen. Ein Kollegium rumänischer Tierärzte hat im Herbst letzten Jahres darüber entschieden, wie die eingefangenen Straßenhunde getötet werden dürfen. Seitdem ist nicht nur die Euthanasie mit Narkosemittel und Todesspritze erlaubt, sondern auch die Tötung per Bolzenschuss, Elektroschock und die Vergasung durch Kohlendioxide oder Stickstoff. Das Sterben der Hunde kann je nach Tötungsart mehrere Minuten dauern und äußerst qualvoll sein.

Das Dilemma der Tierschützer

Tierschützer versuchen möglichst viele Hunde zu retten. Doch viel können sie oftmals nicht tun. Deshalb nehmen sie die Straßenhunde auf und beherbergen sie in privaten Tierheimen. Anders als die staatlichen Tierheime, erhalten sie keine finanzielle Unterstützung der Städte, sondern finanzieren sich über private Spenden. Das Budget ist oft so knapp, dass es nur für das Nötigste reicht.

Die Hunde sind zwar medizinisch versorgt und wohlgenährt, aber die Zwinger und die Gebäude oft marode. Zudem reicht der Platz kaum aus, und die Hunde müssen in Gruppen gehalten werden. Manchmal sind das sogar zwölf bis 15 Hunde in nur einem Zwinger. Die vielen Artgenossen, der Dreck und der Lärm sind für die meisten von ihnen problematisch, und oft kommt es auch zu Beißereien. Es besteht die Gefahr, dass Tierschutz so schnell selbst zum Tierschutzproblem wird.


Für einige Hunde versuchen die Tierschützer neue Besitzer im In- und Ausland zu finden. Doch zuvor müssen die Hunde kastriert, geimpft und gechippt werden und einen gültigen EU-Heimtierausweis erhalten – erst dann können sie ausreisen. Das Überführen der Tiere wird über die elektronische Datenbank TRACES kontrolliert. Darin wird jeder ausgeführte Hund mit seinen jeweiligen Daten erfasst und im Zielland 48 Stunden vorher angemeldet. So ist die Ausreise legal. TRACES regelt ebenfalls die Zwingergrößen, die Fütterungs- und Tränkzeiten der Tiere sowie die Pausen, die eingehalten werden müssen. Diese elektronische Datenbank entstand ursprünglich, um der Verbreitung von Tollwut entgegenzuwirken. Länder, in denen die Tollwut ausgebrochen ist, dürfen zu dieser Zeit keine Tiere aus- und einführen.

Die Vermittlung der Hunde ist aber auf Dauer keine Lösung. Das wissen auch die Tierschützer. Aber durch das neue Hundegesetz, dass die Tötung jedes Straßenhundes vorsieht, wenn er binnen 14 Tagen kein neues Zuhause findet, bleibt ihnen keine Wahl. Entweder holen sie die Hunde von der Straße und vermitteln sie in ein neues Zuhause oder sie werden getötet.

Präventive Lösungen der Tierschützer

Parallel setzen die Tierschützer vor allem auf präventive Maßnahmen, um das unkontrollierte Vermehren der Straßenhunde in den nächsten Jahren zu verringern.

Dabei wird an der Ursache des Problems angesetzt: Viele Menschen in Rumänien kastrieren ihre Hunde nicht und setzen die ungewollten Welpen aus, welche sich dann wieder vermehren. Deshalb gehen sie regelmäßig in Dörfer und Schulen und versuchen insbesondere der jungen Generation, den respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit Tieren beizubringen.

Zudem bieten Tierschutzvereine kostenlose Kastrationen an, um zu verhindern, dass noch mehr Welpen geboren werden. Aber das bisherige Konzept „Einfangen-Kastrieren-Aussetzen“ macht aktuell keinen Sinn, solange das Töten der Straßenhunde nicht aufhört.


Welpe in einem Zwinger
Bild 2 vergrößern Da viele Menschen ihre Hunde nicht kastrieren, vermehren sich diese stark und es werden immer mehr Welpen ausgesetzt.

Die Hundefänger machen auch keinen Halt vor kastrierten Hunden, die mit einer Ohrmarke gekennzeichnet wurden. Und das macht die Tierschutzarbeit aller Tierärzte, die in den letzten Jahren herrenlose Hunde kastriert und wieder auf die Straße entlassen haben, zunichte.

Seit dem Gesetzeserlass werden deswegen hauptsächlich Hunde kastriert, die einen Besitzer haben. Aber auch die sind nicht wirklich sicher. Tierschützer berichten von Hundefängern, die sogar auf Privatgelände eindringen und die Hunde einfangen.

Erst am 21. März 2014 drangen mehrere Hundefänger in eine Bukarester Klinik eines Tierschutzvereins ein. Sie nahmen 75 kastrierte und bereits vermittelte Hunde mit und verwüsteten das Mobiliar der Klinik. Dabei wurden einige Hunde durch die Fangschlingen so schwer verletzt, dass sie starben. Die Aktion war von dem Bürgermeister der Stadt Bukarest genehmigt und unter Polizeischutz durchgeführt worden.

Vier Tage später bekamen die Tierschützer die überlebenden Hunde wieder. Trotzdem verurteilen sie das brutale Vorgehen der Hundefänger, weil sie darin die Tatbestände der Zerstörung von Eigentum und des Hausfriedenbruchs sehen. Bis heute gab es vonseiten der Stadt keine offizielle Stellungnahme zu der Aktion.

Kastrationsgesetz als Lösung

Mit dem neuen Hundegesetz macht die bisherige Arbeit der Tierschützer keinen Sinn mehr, und ihre derzeitige Tierschutzarbeit wird von Seiten der Verantwortlichen blockiert. Deshalb plädieren die Tierschützer dafür, dass das neue Hundegesetz abgeschafft und ein Kastrationsgesetz eingeführt wird. Nur so, glauben sie, kann die Anzahl der Straßenhunde langfristig und flächendeckend verringert werden. Massentötungen sind für sie keine Option. Denn die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass solche Tötungsaktionen, die es schon mehrmals in Rumänien gab, keine dauerhafte Lösung des Straßenhundeproblems sind.


Autorin: Kati Kolbe


Stand: 13.04.2014, 11.09 Uhr

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