Ich hörte nur Schmerz und Angst

wiebkebodenWiebke Plasse, eine engagierte junge Journalistin, die bereits mehrfach in Rumänien war und ihre Berichte nicht nur produziert, sondern auch publiziert hat (z.B.GEO: Chronik der Eskalation, Hero of lost souls GEO article english, Leben für die Streuner GEO Artikel deutsch) war bereit, über ihre Erfahrungen, über ihre Reisen, und darüber, wie Rumänien und die leidenden Hunde in diesem Land Europas sie geprägt und nachhaltig verändert haben. Nach Einbruch der Dunkelheit sprach sie, eine zarte, zerbrechliche Persönlichkeit, die für die Sache der Strassenhunde brennt alleine auf der Bühne des Streunerfestival zwischen Gedächtniskirche und Europacenter, über Daten, Zahlen, aber vor allem vermittelte sie Gefühle…


Hier ihr Redebeitrag auf dem Streunerfestival in Berlin am 17.10.2015

Attention! The following video or image contains heartbreaking material.

Achtung! Die nachfolgenden Inhalte könnten dein Herz brechen.

Jeder kennt diesen oder ähnliche Warnhinweise – von Facebook-Foto-Alben, Youtube-Videos oder Pressemitteilungen. Ich hätte einen solchen Hinweis damals auch gern bekommen. Als ich vor anderthalb Jahren meine erste Reise nach Rumänien antrat, wollte ich unabhängig, neutral und unvoreingenommen meinem Beruf als Journalistin nachgehen. Involviert in den Tierschutz war ich nicht. Ich liebte Tiere – schon immer, aber wer unter uns tut das nicht?

w22Ich hatte von dem Tötungsgesetz schon lange zuvor gehört… Regelmäßig kamen über Facebook die Schreckensmeldungen. Und sie häuften sich. Es war die Rede von 60.000 Straßenhunden allein in der Hauptstadt Bukarest, insgesamt sechs Millionen sollten in ganz Rumänien besitzerlos sein.Ich hörte von der „Tragik“ zum richtigen Zeitpunkt, also dem Tod des vierjährigen Ionut Anghel, der angeblich von Straßenhunden getötet worden war, und dass in Folge das Tötungsgesetz, offiziell das Euthanasiegesetz “PL912”, erlassen wurde. Das war der 10. September 2013.

Seit diesem Tag werden die Hunde auf Staatskosten getötet.

Ich nenne es: ein staatlich legitimierter Massenmord.

So waren die Fakten. So mein Informationsstand vor der Reise.

Aber was bedeutet das für die tierlieben Rumänen? Was steckt wirklich hinter dem Gesetz?

w21Fünf Tage verbrachte ich in Bukarest und Giurgiu. Fünf Tage, die mein weiteres Leben nachhaltig verändern sollten. Ich traf verschiedene Tierschützer. Und Petra, die in dem Dorf Giurgiu, 70 Kilometer entfernt der Hauptstadt, im so genannten Dogsland zu diesem Zeitpunkt 350 bis 400 Hunde hielt. Sie ist beispielhaft für die rumänischen Tierschützer. Sie arbeitete nach Liste. Der Hund, der auf der Liste zur Tötung stand, wurde gerettet. Einen Tag waren es zehn, den anderen nur einer. Tag für Tag, seit Erlass des Gesetzes, wurde das Gelände ausgebaut. Zaun für Zaun. Das „Dogsland“ ist mittlerweile auf eine Fläche so groß wie drei Fußballfelder gewachsen. Ein riesengroßes Feld. Mit Zäunen. Und darin heute 500 eigentlich zum Tode verurteilte Hunde. Die Hunde überleben nur, weil Menschen – Menschen wie du & ich – Geld gespendet haben.

Wir besuchten auch den öffentlichen Shelter, der von der Stadt großzügig finanziert wird:

Pro gefangenen Hund wird eine Prämie von bis zu 50 Euro gezahlt.

Für die Verwahrung, Versorgung und medizinische Betreuung der Hunde fließen weitere bis zu 250 Euro pro Tier. So die Theorie.

w20Es gibt außerdem staatliches Geld an die Tierärzte für die „Euthanasie“ und an die „Entsorger“ der Tierkadaver – ein Riesengeschäft und weit mehr Geld, als deutsche Tierheime zur Verfügung haben. Doch der Shelter ist in Wahrheit ein Ort des Grauens – ein Ort, der alle fünf Sinne lahm legt:

Ich sehe an diesem Tag frisch kastrierte, noch narkotisierte Hunde auf dem dreckigen Boden der Box liegen. Kranke, alte und schwer misshandelte Hunde mit offenen Wunden. Ich höre wenige Wochen alte Welpen nach ihrer Mutter schreien. Ich rieche Näpfe, die von Kot und Urin getränkt sind, von Wasser und Futter ist hingegen keine Spur. Ich fühle den Tod, der einem wie ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Und ich schmecke den widerlichen Beigeschmack vom Hass auf Hunde, als eine „Neueinlieferung“ durch die Hundefänger – mit einer Drahtschlinge in Zaum gehalten – über das gesamte Gelände gezerrt wird.

Seine Schreie. Ich hörte nur Schmerz und Angst.

w19Und der Schäferhund-Mix steckte natürlich die anderen Hunde an, alle bellten, sprangen gegen die Boxengitter und liefen aufgeregt umher.Ein besonders jämmerliches, tief eindringliches Jaulen kam aus einer der letzten Boxen. Der Welpen-Box. Neun Welpen, nur wenige Wochen alt, zwängen sich auf zwei Quadratmeter aneinander, suchen Schutz bei dem anderen. Und Ferry, wie ich ihn später nenne, schrie sich Leib und Seele aus dem Körper. Diesen Ton werde ich niemals vergessen.

Ich konnte nicht anders, ich saß auf dem von kot verschmierten Boden vor dem Zwinger und hielt den kleinen Ferry durch die Gitterstäbe ganz fest. Er zitterte, legte seinen kleinen Kopf vertrauensvoll in meine Hände.Dann ging alles ganz schnell – und Ferry saß mit Petra und mir im Auto. Er schmiegte sich an mich, wie ich es vorher noch nie erlebt hatte. Und er war plötzlich ruhig, die komplette Fahrt ganz tief.

Dieses Erlebnis hat mich umgehauen.

w18Unglaublich, dass ein so kleines und junges Lebewesen, das noch nie gute Erfahrung mit einem Menschen gemacht hatte, sofort wieder Vertrauen fassen konnte.

Und die journalistische Unabhängigkeit? Meine Professionalität?

Spätestens jetzt musste ich einsehen, dass das nicht funktioniert. Ich konnte die Erlebnisse nicht in eine Schublade stecken, sie schließen und weitermachen, als sei nichts gewesen.

w17Wieder zurück in Deutschland, arbeitete ich die Geschichte auf. Ich musste mir eingestehen, dass meine journalistische Neutralität nur Wunschdenken war und empfand mich plötzlich selbst als Aktivistin. Das bin ich bis heute.Drei weitere Male zog es mich im letzten Jahr nach Rumänien. Ich traf weitere Tierschützer: Rudi und Garofita Hoffmann, Mihai Grigorie, Ana-Maria Ciulcu… Und ich sah diese Menschen von mal zu mal ihre Hoffnung verlieren, denn trotz ihres unermüdlichen Einsatzes sterben die Hunde.

Laut einer Pressemitteilung sollen seit Erlass des Gesetzes allein in Bukarest über 50.000 Straßenhunde eingefangen und 30.000 von ihnen auf teilweise barbarische Art und Weise getötet worden sein. Mir wurde von unter anderem von Stromschlägen, von stumpfer Gewalt, von massenhaften Verbrennungen berichtet. Nicht mitgezählt wurden bei dieser Rechnung übrigens die durch Krankheiten getöteten Hunde. Durch die schlechten Bedingungen kommt es in den privaten und öffentlichen Sheltern immer wieder zu Epidemien wie Räude, Staupe oder Parvovirose. Auch Deer, die kleine, sehr schwache Hündin, die ich abholen wollte, um ihr in Deutschland ein besseres Leben zu bieten, starb. Noch bevor ich sie retten konnte.

w16Die rumänischen Tierschützer erklärten mir, dass noch mehr Fakten zum Leid der Streuner in Rumänien beitragen:

In dem 20 Milionen Einwohnerstaat leben viele am Rande des Existenzminimums. Das Durchschnittsgehalt liegt bei nicht einmal 400 Euro im Monat. Ihre Unzufriedenheit über die eigene Armut oder Lebensumstände an den Tieren aus. Die Tierschützer finden regelmäßig verbrannte, verstümmelte oder missbrauchte Tiere – entsorgt am Straßenrand.

Es fehlt auch an Tierschutzbildung. Oft werden unkastrierte Tiere als Wachhunde vor dem Haus an einer engen Kette gehalten. Sollte es Nachwuchs geben, wird dieser in einer Plastiktüte irgendwo am Straßenrand entsorgt. Wieder andere beginnen dann eine Jagd auf sie.

w15Ich musste selbst miterleben, wie ein uns überholender Wagen extra Gas gibt und den Hund auf der Straße absichtlich überfährt. Ich bin noch heute geschockt, wenn ich an den Moment zurückdenke. Tierschützer in Rumänien sehen Situationen wie diese täglich – und sie haben keine Zeit, diese lange zu verarbeiten. Denn der nächste Notfall wartet schon.

Allein in dieser Minute werden tausend Tiere unendlich und unnötig leiden,

  • nur 1500 Kilometer entfernt:
  • Frierend, hungrig, womöglich krank und schwach von dem Leben auf der Straße.

w14Ob sie Streuner sind und in ihrem Versteck verkrochen, um vor Autos, Hundefängern und wütenden Menschen zu flüchten. Oder in einem der zahlreichen öffentlichen Shelter auf ihren Tod warten: Sie alle haben ein besseres Leben verdient.

Meine Gedanken kreisen sich eigentlich rund um die Uhr um die Hunde dort. Ich wollte nicht aufgeben, an eine Verbesserung der Situation vor Ort zu glauben.

Mit Eckhard Kretschmer von MapofHope, Susanna Mohr vom NESS Streunernetzwerk und den engagierten und lieben Menschen Susanne Heitz, Achim Richter und Renate Ernst planten wir monatelang, was wir noch versuchen könnten. Und schließlich setzten wir mit voller Energie etwas in Bewegung. Endlich! Gemeinsam erarbeiteten wir für die PETA, die wohl reichweitenstärkste Tierschutzorganisation der Welt, eine Petition an den Präsidenten Rumäniens, Klaus Iohannis.

w13Es dauerte Monate und ist in wenigen Sätzen gar nicht zu erzählen: Wichtig ist, wir haben es geschafft, die Orga für die Aktion zu gewinnen. Im März dieses Jahres reiste ich mit meinem Freund also noch mal nach Rumänien, um die Tierrechtler Claudiu Dumitriu und Codrut Feher zu treffen. Ihr Videomaterial, unser eigenes sowie weiteres von rumänischen Tierschützern fassten wir grob zusammen.

peta übergabePETA schnitt daraus den Film – und ja, im Mai ging die Petition online. Am 17.10.2015 um 15.30 Uhr übergab ein PETA-Mitarbeiter die Liste der 36.000 Unterschriften an Stefan Eck in Stuttgart.

Er wird sie möglichst an Präsidenten persönlich übergeben. ABER: Das heißt nicht, dass die Aktion beendet ist.

Bitte zückt Tab, PC oder Smartphone!

Unter http://www.mapofhope.de/peta könnt ihr weiterhin unterschreiben, das Video sehen und das Hintergrundpapier in drei Sprachen lesen. Bitte besucht die Seite und gebt den Tieren eure Stimme!

www.mapofhope.de/peta

w12Ich wollte heute über das Dranbleiben, über Mut und Hoffnung sprechen. Und ich möchte damit stille Zuschauer und Tierfreunde zum Aktivwerden motivieren. Auch wenn ich selbst noch nicht lange aktiv bin –kenne ich das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung schon sehr gut. Die Hilferufe, Notfälle, Einzelschicksale und all das Leid.

Wegschauen wäre sicher einfacher.

Aber was ist, wenn das alle tun? Wer schaut hin, wenn nicht wir? Die Hunde in Rumänien und die Menschen, die sich dort engagieren, brauchen uns. Jeden einzelnen von uns!

Mit einem Zitat möchte ich abschließen – es passt wunderbar auf mich – und sicher auch viele von euch hier, In der Hoffnung viele noch stille Zuschauer und Tierfreunde zum Aktivwerden motiviert zu haben:

Dogs have a way of finding those who need them and filling a space in them they didn’t even know they had.

In diesem Sinne:

Werdet oder bleibt aktiv. Und gebt eure Stimme denen, die uns brauchen.

www.mapofhope.de/peta

Danke!

w11 w10 w9 w8 w7 w6 w5 w4 w3 w2 w1

Bilder: Wiebke Plasse/PETA