Das Leben war nicht gut zu mir

Erinnerungen einer Straßenhündin aus Bukarest

Mit freundlicher Genehmigung von Rock the Nature Germany hier veröffenticht und auf dem Streunerfestival in Berlin verlesen


Hallo Ihr Lieben,
mein Name ist Lisa. Geboren wurde ich als Straßenhund in den Straßen von Bukarest. Wo genau, habe ich nie erfahren. Ein Zuhause kannte ich nicht. Erst recht kein Körbchen. Denn eigentlich, so lange ich mich erinnern kann, ich war immer auf der Flucht. Ich bin gerannt, ich bin gelaufen, ich bin geflüchtet. So lange ich mich erinnern kann wurde ich geschlagen, getreten, bespuckt, beschimpft und verjagt. Aber das ist jetzt vorbei. Denn ich habe es geschafft.

rtnberlinDas Verjagtwerden begann schon ganz früh. Egal wo meine 3 Geschwister, unsere Mama und ich uns ausruhten, niemand wollte uns. Warum eigentlich? Wir haben nichts gestohlen, wir haben niemanden etwas getan, wir wollten doch nur leben. Wir suchten nur Schutz vor Hitze und Kälte, aber überall wurden wir vertrieben. Und dann geschah es. Es war der schrecklichste Tag in meinem Leben. Männer in einem weißen Kastenwagen kamen und verschleppten unsere Mama. Sie wollte sich wehren. Sie schrie, sie wimmerte, sie weinte, aber die Drahtschlinge um ihren Hals gab nicht nach. Mama hatte keine Chance. Nie werde ich ihren Blick vergessen, als sie in das weiße Auto gezerrt wurde, und ein letztes Mal zu uns Kindern herübersah. Wir lagen versteckt in einem Hinterhof, und mussten mit ansehen, wie sie uns unsere Mama nahmen. Dieser verzweifelte Blick, diese unendliche Hilflosigkeit in ihren Augen war das Letzte, was wir von unserer Mama sahen.

Danach wurde das Leben noch härter für uns. Das Leben auf der Straße ist ein täglicher Kampf. Nicht nur die Menschen jagten uns. Jetzt mussten wir uns auch noch gegen die großen Hunde wehren. Sie hatten genauso Hunger wie wir. Kaum hatten wir etwas Essbares gefunden, schon vertrieben sie uns. Wir wurden immer schwächer. Nach kurzer Zeit bestanden unsere Körper nur noch aus Haut und Knochen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie ich den ersten Winter überleben konnte. Kannst Du Dir vorstellen, wie so ein eisiger Winter auf den Straßen Bukarests aussieht. Tag und Nacht frierst du. Du kannst dich nicht aufwärmen, du kannst dich nicht trocknen, du kannst dich nicht stärken. Gegen diese unerträgliche Kälte hatten wir Hundekinder nur eine Chance. Wir schmiegten uns aneinander, wärmten und stärkten uns gegenseitig. Aber nicht einmal das reichte. Die Kälte ist das Werkzeug des Todes. Zweimal passierte es. Als ich morgens aufwachte, war einer von uns tot. Schon im ersten Winter starben zwei von uns vier Geschwistern. Sie waren zu schwach um zu leben.

Das Frühjahr kam, und ich merkte eine Wandlung in mir. Vom Hundekind war ich zum Hundemädchen geworden. Und es geschah. Wie meine Mama bekam auch ich 4 Kinder. 4 kleine, flauschige, wunderschöne Hundebabys, die außer mir niemanden hatten. Dabei war ich doch selbst noch ein Kind. Stell dir vor, ich war selbst noch ein Kind, hatte kein Zuhause, nicht einmal ein Körbchen, musste jetzt aber auch noch für meine Babys sorgen. Ich säugte sie, gab ihnen meine Kraft und meine Liebe. Ich zog sie mit dem groß, was mir der Müll der Menschen in den Straßen von Bukarest gab. Und nicht einmal den gönnten sie uns. Lieber warfen sie alles weg, bevor wir ein vertrocknetes Stück Brot finden konnten. Herzlosigkeit muss eine Erfindung der Menschen sein. Und die Schlimmsten von ihnen sind die Politiker. Denn sie sind es, die das ganze Drama mit uns Straßenhunden angerichtet haben. Und jetzt bereichern sie sich an unserem Leid.

Das Leben war grausam zu mir. Und trotzdem habe ich meine Kinder so großgezogen, dass ich stolz auf sie sein kann. Wir haben nie etwas gestohlen. Wir haben nie jemanden bedroht, haben uns nie aufgedrängt, haben nur versucht zu überleben.

Jetzt bin ich knapp 5 Jahre alt. Für einen Straßenhund ist das ein hohes Alter, denn die meisten von uns sterben schon jung an Krankheiten, oder sie erfrieren entkräftet in den eisigen Wintern. Das alles ist für mich Vergangenheit. Das Leiden ist vorbei. Denn ich habe es endlich geschafft. Ich hoffe, dass es meinen Kindern gut geht. Sie müssen das noch ertragen, was ich hinter mir habe. Das Hungern, das Dursten, das Frieren, die Angst, die Schreie, die Schläge und das Vertriebenwerden.

Oft habe ich mir Gedanken gemacht, warum wir Straßenhunde so leiden müssen. Dabei habe ich festgestellt, dass es nicht nur uns Hunden so schlimm ergeht. Eigentlich werden von den Menschen alle Tiere so schlecht behandelt. Die Rinder in ihren Massenställen, die Schweine in ihren Boxen, die Pelztiere und Hühner in ihren Käfigen und die Delfine in ihren Delfinarien. Von den Stierkämpfen, den Walfängen und den Robbenmassakern wollen wir gar nicht sprechen. Aber warum ist das so? Wisst ihr, was all diese Quälereien gemeinsam haben? Politiker haben das entschieden. All das wäre nicht möglich, wenn nicht Politiker festgelegt hätten, was mit uns Tieren gemacht werden darf. Politiker haben bestimmt, wie wir gequält werden dürfen. Politiker haben festgelegt, wie groß die Käfige, die Ställe und die Boxen sind. Politiker haben festgelegt, dass für jeden von uns Straßenhunden Geld bezahlt wird, das sich ihre korrupten Freunde dann in die Tasche schieben können. Ob in Bukarest, in Berlin oder in Brüssel, alle Politiker wissen das, aber alle machen mit. Sie sind die Wurzel des Übels.

Mich muss das aber nicht mehr interessieren. Denn ich habe es endlich geschafft. Hunger, Durst, Kälte, die Qualen, die Schmerzen, die Angst und diese unendliche Hilflosigkeit sind endlich vorbei.

Du möchtest wissen, wie ich es geschafft habe?

Ganz einfach. Gestern haben sie mich in einer Tötungsstation getötet. Wie meine Mama hatten sie mich mit einer Drahtschlinge gefangen, und gestern kam ich an die Reihe. Dabei muss ich dem lieben Gott noch danken. Ich hatte nämlich Glück. Denn mich haben sie mit einer Schaufel erschlagen. Das ging relativ schnell. Andere erhängen, vergiften, ertränken oder verbrennen sie bei lebendigem Leib. Ich habe es gesehen. Es ist schrecklich, was diese Hunde durchleiden müssen.

Aber ich habe es geschafft. Ist das nicht traurig, wenn man sagen muss: „Das Schönste an meinem Leben ist, dass es vorbei ist“.

Für mich ist es zu spät, aber vielleicht könnte ihr etwas tun, dass es meinen Brüdern und Schwestern auf der Straße endlich besser geht. Bitte sorgt dafür, dass das unendliche Leiden endlich ein Ende hat.

Ich danke euch.
Eure Lisa

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